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Interview mit dem Fondsmanager und Gründer des Instituts für Vermögensentwicklung, Professor Dr. Max Otte

Allgemein

Alternativ zum hier vorliegenden Transkript können Sie das Interview im Original auf unserem YouTube-Kanal schauen: Klicken Sie hier.

Markus Gärtner: Herzlich willkommen, meine Damen und Herren! Ich bin heute im Gespräch mit dem Fondsmanager Professor Dr. Max Otte. Herzlich willkommen, Max. Wir wollen mal über Schulden sprechen. Das geht im Augenblick ein bisschen unter, obwohl es immer dringlicher wird. Wir haben enorme Zuwachsraten unter Corona gehabt, also Staatsschulden im Verhältnis zur jährlichen Wirtschaftsleistung des jeweiligen Staates. Da haben wir Werte erreicht, wenn ich da Griechenland sehe, das wird bis zum kommenden Jahr über dem liegen, was wir damals hatten, als schon eingegriffen worden ist. Wo führt das hin?

Max Otte: Ja, wir gehen Richtung 200 % der Wirtschaftsleistung, bei den Staatsschulden. Wir hatten den letzten Schuldenschnitt – ich weiß gar nicht, wann der war, 2010, 2011, 2013 – das ist schon fast wieder zehn Jahre her. Ja, man glaubt das gar nicht. Mario Draghi hat seine “whatever it takes“-Rede 2012 gehalten, vor zehn Jahren. Das muss man sich mal überlegen. Seit zehn Jahren haben wir “koste-es-was-es-wolle“, Geld raushauen ohne Ende. Hans-Werner Sinn hat ein gutes Buch darüber geschrieben im letzten Jahr, „Die wundersame Geldvermehrung“. Wir sind in einem Endspiel. Die Schulden habe ich schon 2006 in “Der Crash kommt“ kritisiert. Aber es hat sich dann mit der Finanzkrise nochmal beschleunigt. Deswegen war ich ja auch bullish, weil wir gesehen haben: Wir gehen da mit brutaler Gewalt rein, wir machen keine Reformen, wir drucken Geld ohne Ende. Das war 2008, also bitte Aktien kaufen. Und so geht es ja weiter. Wir sind also in dieser Auflösung des Systems, in der Katastrophen-Hausse nach Ludwig von Mises. Also: Die Leute werden immer mehr merken, dass das Geld wertlos wird, und werden Aktien, Immobilien und was auch immer kaufen. Die Weltschulden gehen auf 300 Billionen hoch, ein Allzeithoch. Die Schulden als Prozent der Wirtschaftsleistung sind von 362 wieder etwas gesunken auf 355 %, weil die Wirtschaftsleistung wieder angezogen ist. Aber trotzdem, wir sind nahe des Allzeithochs.

Also, wir haben eine brachiale Verzerrung in der Wirtschaft. Wir sind im Endspiel. Das habe ich als Begriff – und jetzt wird der allgemein auch verwendet – 2015 zum Ersten Mal verwendet, auf dem Kongress in Mannheim. Und das Endspiel findet jetzt statt und die Staaten machen ja locker weiter. Also Scholz: Mal eben 100 Milliarden für die Bundeswehr, nicht offizielle Schuldenaufnahme, wir machen ´nen Sonderfonds, dann müssen wir es nicht Schulden nennen. Die EZB druckt Geld und macht Green New Deal. Also, wir sind voll in dieser Staatswirtschaft, in dieser Geldaufblähung. Aber nicht nur Geldmengenaufblähung, sondern der Staat gibt es jetzt auch selbst aus. Das ist also Stufe drei. Erst Geldmengenaufblähung, Rettung von Banken. Dann Stufe zwei, Negativzinsen. Stufe drei, jetzt, aktive keynesianische Ausgabenpolitik, Staatswirtschaft, staatlicher Umbau der Wirtschaft. Ob das Bundeswehr ist, ob das Green New Deal ist, wir sind in der Systemtransformation, der Systemtransformation, die ich auch in “Weltsystemcrash“ vor mittlerweile drei Jahren benannt habe.

Markus Gärtner: Endspiele, wie du sagst, haben es ja so an sich, dass es nicht mehr allzu viele Optionen gibt. Wirkliche reale Optionen, also Herauswachsen aus der Schuldenkrise, sehe ich nicht mehr. Was siehst du Kommen?

Max Otte: Das habe ich seit 2011 gesagt, dass wir nicht mehr herauswachsen werden. Es gibt halt mehrere Optionen in so einer Krise. Ich kann Inflation machen, die haben wir jetzt. Ich kann die Schulden reorganisieren, indem ich Schulden streiche oder in Tilgungsfonds packe und die Tilgung freistelle. Damit werden sie auch weniger wert, durch die Inflation. Ich kann eine Vermögensumverteilung machen, ich kann die Vermögensinhaber besteuern und den Schuldnern Vermögen geben. Beides ist ja Vermögenstransfer. Ich kann auch natürlich – viertens – staatliche Maßnahmen machen in so einer Schuldenkrise, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Das wird kommen.

Ich werde immer wieder gefragt: Was kommt denn nun genau? Kommt ein Lastenausgleichsgesetz? Ja, das ist angepasst worden. Die Bundesrepublik darf auch wieder sowas wie Lastenausgleich machen. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was sich da Politikerhirne ausdenken, oder im Finanzministerium die Leute. Ich weiß nur: Wo kann ich rangehen als begieriger Politiker? Wo lass´ ich lieber die Finger von? Was kann ich machen?

Inflation ist einfach. Und dann wird noch von den jetzigen Experten gesagt: Dann haben wir halt Inflation. Aber Hans-Werner Sinn, der auch ein wirklich integrer Mensch ist, den ich sehr bewundere – ich bin nicht in allem einer Meinung mit ihm –, aber er sagt auch: Die sozialen Folgen der Inflation! Mit der Inflation belohne ich die Reichen und belaste die Armen. Also, es geht um Vermögenstransfer, von der Mittelschicht und arm zu reich. Das ist Inflation. So, da habe ich die Inflation. Dann kann ich natürlich Vermögenstransfers von Gläubigern zum Schuldner machen, indem ich Vermögen einfach streiche.

Also: Wo gehe ich ran? Inflation ist das eine, das trifft leider die nicht so Vermögenden. Das zweite ist, dass ich sicherlich in irgendeiner Form an die Geldvermögen rangehen werde, also Kontoguthaben und so weiter. – Kryptos werden immer so gehypt. Kann man machen, aber ich bin kein Krypto-Fan. Da kriege ich dann auch oft genug erbitterten Widerspruch. Aber ich sage: Bitte macht´s, und Ihr könnt auch Geld damit verdienen. Aber das EU-Parlament hat jetzt schon ein Krypto-Verbot diskutiert, ist da zwar nicht durchgekommen, aber weil die eben sehr umweltunfreundlich sind, kann man auch Kryptos verbieten, dann werden sie vielleicht noch ein bisschen gehandelt. Also: Geldvermögen ist das Schädlichste, Lebensversicherungen, Kontoguthaben und so weiter. – Wir Deutschen sind auf einem neuen Top, 6 Billionen Euro Geldvermögen. Und an die Immobilien wird man auch rangehen in irgendeiner Form. Und das heißt: Es bleiben Aktien, es bleiben Edelmetalle, es bleibt Land, vielleicht. Das ist aber sehr teuer, größtenteils.

Markus Gärtner: Die Politiker sind ja nicht allzu kreativ, was die Lösung dieser Probleme angeht. Zum Beispiel die Staatsschulden. Bei der Verbuchung sind sie natürlich kreativ. Da wollte ich nachfragen: Da haben zwei Ökonomen kürzlich in einer führenden deutschen Wirtschaftszeitung vorgeschlagen, man könnte ja eine Schuldenagentur einrichten, die dann einen Puffer bildet zwischen Notenbanken und den Regierungen. Dann kann man die Verbindlichkeiten aus den Staatshaushalten rausbuchen. Das ist ja sowas, wo Du gemeint hast, dass sie sehr kreativ sind. Es führt uns aber nicht aus dem Problem raus…

Max Otte: Ja gut, wenn man es rausbucht, ist es ja schon Vermögensumverteilung. Das heißt, die Schulden werden gestreckt, die Gläubiger bekommen weniger als sie dachten. Also, das führt zu realen Vermögenseffekten. Aber die sind nicht so schlimm für den laufenden Wirtschaftsprozess. Denn: Nehmen wir mal an, ich buche jetzt die Schulden der Südländer teilweise aus. Die sind ja entstanden, indem in Deutschland jemand real auf Konsum verzichtet hat und jemand dort real mehr konsumiert hat. Das ist ja schon passiert. Da kommt dann irgendwann die Rückzahlung nicht. Aber gut, deswegen wird Deutschland nicht viel anders ticken. Also, man kann das schon streichen, ohne dass es vielleicht sogar im Wirtschaftsgeschehen gemerkt wird. Aber es ist natürlich für das Vertrauen und für unser Geldsystem Gift. Aber die Wirtschaft merkt es unter Umständen erst mal gar nicht.

Markus Gärtner: Der Finanzminister müsste das, was ausgebucht wurde, im Bundestag nicht mehr berichten, oder der Kanzler. Aber vorhanden wären die Schulden natürlich schon noch…

Max Otte: Wie bei diesem Sonderfonds, den die Bundesregierung jetzt aufleg. Keine Ahnung, wie da jetzt die Strukturen sein werden. Und vielleicht kann man das auch am Haushalt vorbei.

Markus Gärtner: Das weiß Herr Scholz vielleicht selbst nicht, wie da die Strukturen sind…

Max Otte: Der kennt sich ja in der Finanzbranche ganz gut aus, aus seiner Vergangenheit.

Markus Gärtner: Aus seiner Hamburger Vergangenheit…

Max Otte: Ja, aus der Hamburger Vergangenheit.

Markus Gärtner: Ganz herzlichen Dank, Max Otte.

Max Otte: Sehr gerne.


Von Markus Gärtner

30. April 2022
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