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BigTech: Was könnte schief gehen?

Branchen

Sehr geehrte Investoren,

bei JEDEM Investment ist es wichtig, die Gegenthese zu prüfen. Was könnte schief gehen? Was könnte ich nicht bedacht haben? Während Laien und Amateure oft die Bestätigung suchen, suchen Profis die Gegenargumente. Denn auch die gibt es immer. Und dann gilt es, für These und Gegenthese Belege zu finden.

Big Tech ist immer noch eine Säule unserer Portfolios und macht zwischen 15 und 20 % des Investitionsvolumens aus. Nach einem massiven Lauf bis 2022 hatten viele Unternehmen Kursrückgänge und realwirtschaftliche Rückgänge erleiden müssen. Teilweise gab es auch Entlassungen.

Nun sah ich bei Kollegen die Gegenthese zu BigTech: das Ende des Plattformzyklus (zumindest der aktuellen Plattformen) soll irgendwann kommen. Der Plattformzyklus verläuft nach Internetguru Cory Doctorow in etwa so:

  1. Unternehmen und Anbieter versuchen mit einem neuen Modell bzw. Angebot, möglichst viele Kunden auf ihre Plattform zu locken. Wenn das Angebot gut ist, gelingt explosives Wachstum. Oft wird auch ein negativer Cash Flow in Kauf genommen.
  2. Wenn eine kritische Größe erreicht ist, setzt der Netzwerkeffekt ein. (Der Wert eines Netzwerks steigt überproportional zur Zahl seiner Mitglieder. Ein Telefonanschluss bringt nichts, 2 sind eine Verbindung, 3 sind 3 Verbindungen, 4 schon 6 Verbindungen usw.). Je mehr Mitglieder ein Netzwerk hat, desto weniger kommt man darum herum und desto weniger kann man darauf verzichten. Microsoft, Facebook, What´s App… Jetzt wird das Netzwerk auch „monetarisiert“. Firmenkunden werden geworben, und diese ziehen zu Lasten der Mitglieder immer mehr Nutzen aus dem Netzwerk. Beispiel: bezahlte Werbung bei Google vermindert die inhaltliche Relevanz der Suchanfragen.
  3. In der finalen Phase übertreibt es der Netzwerkanbieter. Firmenkunden müssen bei amazon bezahlen, um überhaupt noch sichtbar zu sein. Bei Google müssen viele Anbieter bezahlen, damit sie überhaupt noch irgendwie sichtbar sind und sich nicht Drittanbieter aufgrund besserer Algorithmen dazwischenschieben. Auch auf den Seiten oder Kanälen von Meta und YouTube sehen die Freunde bzw. Abonnenten nicht immer, was der Betreiber postet. Auch hier müssen Betreiber ggf. schon bezahlen. Doctorow: „Wenn eine Plattform alle Nutzer und Firmenkunden an sich gekettet hat, kann sie den Service mit Sch… anreichern, ohne welche davon zu verlieren. Dann wird der Nutzen von Mitgliedern UND Firmenkunden zugunsten des Anbieters und seiner Aktionäre verschoben.“

Es ist keine Frage, dass bei vielen Anbietern diese Tendenzen zu beobachten sind. Wir nehmen diese Gefahren ernst, halten aber derzeit an Google, Microsoft, Apple und Amazon fest. Ich vertrete seit längerer Zeit die These, dass sich Spreu von Weizen trennt. Das hat sich im Falle von Meta und Netflix (die wir nicht haben) bewahrheitet.

Auch Microsoft und Apple haben etwas andere Geschäftsmodelle, die nicht so stark dem Plattformzyklus unterliegen. (Wobei es bei Apple ein gewisses Chinarisiko gibt.)

Alphabets Google ist bei Suchanfragen absolut dominant, Amazon bei den Online Shops. Zudem hat Amazon mit den Cloud Services einen weiteren wichtigen Geschäftsbereich.

Die Wachstumszahlen sehen bei Unternehmen insgesamt noch gut aus, die Bewertungen bei allen auch (bis auf Amazon das immer ein Sonderfall war). Die Bewertung von Alphabet ist mit einem aktuellen KGV von 20,8 geradezu niedrig.

Geschäftszahlen Alphabet, 2022-2024, in Tausend USD

2022letzte 12 Monate2023Analystenschätzung
2024
Umsatz*282.836282.836275.908298.221
Gewinn*59.97259.97265.99777.386
KGV28,818,120,818,0

Natürlich sind Analystenschätzungen mit großer Vorsicht zu genießen, da diese fast nie die Trendbrüche in ihre Schätzungen einfließen lassen. Das ist unser Job. So könnten die Geschäftsmodelle der Plattformunternehmen implodieren. Das erscheint aber unwahrscheinlich, dazu sind Alphabet (mit Google und YouTube) und Amazon zu dominant. Eher möglich ist eine schleichende Erosion. Das beobachten wir natürlich.

Ihr

Prof. Dr. Max Otte

Dieser Artikel ist erstmalig als Kolumne im Börsenbrief Der Privatinvestor (Ausgabe 13/2023 vom 31.03.2023) erschienen.


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Philipp Schäferhoff | [email protected] | +49 (0) 221 98 65 33 -94
6. April 2023
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